Evelyne Weissenbach über ihre Kehrseiten-Gedichte

Männer sind anders.
Wissenschafter und Frauen nehmen den Bauch als
den Sitz des Gefühls an. So gesehen, müssen wir
erkennen, wie die Gefühle der Männer oft wo
anders ihren Ursprung haben - nämlich im Gehirn.
Auf der anderen Seite ist die Tiefe ihres Denkens
in sehr vielen Fällen von wesentlich tiefer liegenden
Körperteilen als dem Kopf eingefärbt.
Doch selbstverständlich sind deshalb nicht alle Männer
Pöpsche (so wie ja nicht alle Blondinen “blond” sind).
Aber wenn sich die Angst vor die Liebe stellt, dann kann
es schon passieren, dass der Mensch im Augenblick der
Hilflosigkeit in der Verallgemeinerung Schulterschluss
sucht.
Meinen Mund verlässt dann manchmal ein säuerliches
Gedicht-Bäuerchen und bald darauf ist mein Wohlbefinden
wieder hergestellt. Weil das Lachen darüber die Angst
verscheucht und ich mich wieder der Liebe zuwenden kann.
Deshalb schicke ich meine Frustgedichte mit einem
Augenzwinkern in die Welt und keineswegs in der Absicht,
Männer verletzen oder diskriminieren zu wollen.

In diesem Sinne sei meine Kehrseiten-Lyrik den
Frauen wohl zum Schulterschluss angeboten,
aber nur so lange, als sie diese - wie ich - dazu
verwenden, um Männer besser kennen und
lieben zu lernen.

 

 

Die Verkehrten

Männer spüren
von oben nach unten

und denken
von unten nach oben

 

Tierisch

Männer sind anders
und meistens weiß ich nicht wie
Sie sind andersartig
wie das liebe Vieh

Sie folgen Instinkten
die ich nicht erkenn
und die ich auch deshalb
nicht menschlich nenn

Sie sprechen in Worten
die nicht dasselbe bedeuten
wie die Worte von anderen Leuten
Sie hören
was außer ihnen niemand hört
und sind deshalb sehr oft verstört

Der aufrechte Gang ist ihnen meist fremd
Bei vielen ist das Rückgrat gelähmt
Auch haben sie oft ein Augenproblem
Sie können nur auf sich selber sehen

Mit ihren Fingern
statt ordentlich zuzufassen
bohren sie - meist vor roten Ampeln -
in ihren Nasen
Sie ernähren sich gern unter lautem Schmatzen
und oft sieht man sie
öffentlich ihre Weichteile kratzen

Sind sie sicher Menschen?

Auch ihr Balzgehabe
erschwert mir die Antwort
auf diese Frage

Die einen wie Kaninchen
die anderen wie Schweine
weitere wie Hunde
die an zu kurzer Leine

Manchmal trifft man Hengste
die wie Ochsen sich verhalten
doch noch öfter Ochsen
die sich für Hengste halten

Dann die bunten Erpel
die nur mit Flügeln flattern
andere die hamstern
alles das
was sie ergattern

Oft genug
paradieren sie nur
wie Gockel oder Pfauen

Ach
Wo sind nur die Männer
für uns Menschen-Frauen?

 

Erkannt

Am besten
erkenne ich die Männer
an dem
was sie
nicht tun

 

Froschkönig

So sind sie schon die Prinzen
Und hat man erst das Glück
Auf einen zu treffen
Ist’s wie ein Märchenstück

Er reitet auf dich zu
Auf seinem hohen Ross
Reicht gnädig dir den Arm
Erzählt von seinem Schloss

In dem er Schätze hortet
Die du immer gesucht
Baut schnell eine Brücke
Über die tiefe Schlucht

Die zu deinem Herzen führt
Und dich so ängstlich macht
Und besiegt den Drachen
Der dich so lang bewacht

Dann fällt er vor dir auf die Knie
Sagt
Du bist die Prinzessin
Wie ich sie niemals vor dir sah
Bitte sei immer für mich da

Da reichst du ihm den Mund zum Kuss
Und es kommt
Wie es kommen muss

Das Märchen nun ein Ende fand
Es sitzt
Ein Frosch
Auf deiner Hand

 

Das Männermuseum

Ich habe mir ein Museum eingerichtet
Denn auch ein Ruf wie meiner verpflichtet
Wenn man wie ich alle Männer liebt
Es immer Sammelobjekte gibt

Der Mann an sich als Exemplar
Von Gott erschaffen so wunderbar
Zeigt sich in seinen Ausdrucksformen
Wohl immer in den gleichen Normen
Doch die Verkleidung die er wählt
Hat meine Liebe oft gequält

Fangen wir bei den Kindern an
Ein Kind steckt ja in jedem Mann
So viele ängstliche - so wenig wilde
So viele trotzige - auf Mann gedrillte

Dann die auf jugendlich
Die nicht erkennen
Dass sie der Jugend nur hinterher rennen
Weil sie die Jugend nie gekannt
Weshalb sie keiner in mir fand

Die Machos - auch sie alle gleich
Außen dumm und innen weich
Aus Marmelade sie gemeißelt
Die dann mit Glasscherben bestreuselt

Die Softies - so verständnisvoll
Mit offenen Augen die meistens hohl
Die Liebe suchen doch niemals geben
Nur stundenlang darüber reden

Hier dann die Klugen und die Gescheiten
Die sich über sämtliche Themen verbreiten
Und sie den Frauen so gut erklären
Sie über alles und jedes belehren

Im Keller- die ewig gestrigen
Die ihre Meinung damit festigen
Dass sie ganz stur darauf beharren
Und nur in eine Richtung starren

Die Helden - die sind dünn gesät
In diesem Raum nur einer steht
Der sah die Liebe als Drachen an
Den man als Held nur bekämpfen kann

Auch die Prinzen - herbe Beute
Da nur für unerschrockene Leute
Weil sie verwandeln sich nach dem Küssen
Und wer will schon
mit Fröschen leben müssen?

Alle sind sie liebenswert
Doch läuft bei allen etwas verkehrt
Dies liegt beim Mann jedoch daran
Dass er nur
von unten nach oben denken kann

Deshalb sind bei mir die Männer alle nackt
Weshalb es nur selten auch ein Mann wagt
In mein Museum hineinzugehen

Könnte er doch dort
größere Denkmuster sehen

 

Findelkind

Als ich dich suchte
warst du mir nah

Doch als ich dich fand
war von dir
nichts mehr da

 

Zehn kleine Männerlein

Zehn kleine Männerlein
Einmal die Liebe trafen
Und alle haben sie nicht erkannt
Wollten sie Lügen strafen

Der erste
Ein Mann wie ein Baum
Sie zeigte sich ihm offen
Er warf sein Laub ab und fiel um
Wie von der Axt getroffen

Der nächste wußte ganz genau
Was die Liebe macht
Doch sie sollte zu ihm kommen
Da waren's nur mehr acht

Dann kam ein Arschloch angerannt
Sie wollte es gern lieben
Da hat es sie fest angeschissen
Da waren's nur mehr sieben

Der nächste war ein Pornofreund
Er hielt sie für Sex
Als sich ihm die Liebe hingab
Waren's nur mehr sechs

Der sechste dann ein Macho war
Hat sie frech angegrinst
Da grinste sie einmal zurück
Schon waren's nur mehr fünf

Einer wollte über sie reden
Und kam aus diesem Grund zu ihr
Wahrscheinlich redet er immer noch
Da waren's nur mehr vier

Dann trank einer sie sich schön
Und er war ganz high
Weil die Liebe nüchtern blieb
Waren's nur mehr drei

Dann kam der Lustige daher
Und machte viel Geschrei
Doch weil sie still und leise ist
Waren's nur mehr zwei

Der nächste wartete auf sie
Wie vor ihm sonst keiner
Weil warten für sie nicht genug ist
War es nur mehr einer

Dieser eine war so lieb
Hätt' sie beinah geschafft
Ach
Er log sich selber an
Raubte ihr fast die Kraft

Doch weil sie die Liebe ist
Die nur nach Liebe strebt
Hat sie zehn kleine Männerlein
in Liebe
überlebt

 

Und dann gibt es noch ...

Männer
die haben lieber
einen sitzen
als einen stehen